Erzähl doch mal!

Foto: Björn Gerhards
Foto: Björn Gerhards

Na, wie war es auf dem Schiff?

 

Das wurde ich in den vergangenen Wochen unzählige Male gefragt. Eine kurze, zusammengefasste Antwort habe ich mir mittlerweile zwar zurechtgelegt, allerdings wird die den fünf Monaten, die ich von April bis September auf der Europa 2 verbracht habe, kaum gerecht.

 

Aber was erzählt man? Wo fängt man? Was interessiert den Fragesteller eigentlich? Soll ich von der Arbeit oder den Partys erzählen? Will derjenige wissen, dass es regelmäßige Sicherheitsübungen an Bord gibt oder soll ich lieber vom Essen für die Crew sprechen? Ich habe festgestellt, dass es eine ganz wichtige Rolle spielt, ob derjenige, der mich das gefragt hat, schon einmal auf einem Kreuzfahrtschiff war oder nicht. Da nun aber der Großteil meines Umfelds bis jetzt noch keine Ahnung davon hatte, wie das Schiffsleben überhaupt aussieht, habe ich dann doch immer etwas weiter ausholen müssen. Was ja auch nicht schlimm ist - im Gegenteil. Aber damit füllt man dann eben einen ganzen Abend. Und selbst das reicht nicht, wenn man alles erzählen will. (Nagut, alles will man gar nicht erzählen, aber zumindest die relevanten Dinge.)

 

Zu den ersten Fragen des Gesprächs zählten meistens, wie ich untergebracht war und ob das Essen geschmeckt hat. Gut, damit hatte ich zumindest einen Anhaltspunkt. Besser als wenn es nach der "Wie war es auf dem Schiff?"-Frage still wird und ein Monolog erwartet wird. Also habe ich eben damit angefangen, die Standardfragen zu beantworten. Daraus ergaben sich dann auch gleich die nächsten Fragen. Doch egal wie viel Zeit wir jeweils hatten (von einigen Stunden mit meinen Freunden bis hin zu mehreren Tagen mit der Family) - ich hätte trotzdem so viel mehr erzählen können als ich es letztendlich getan habe. Einer der Gründe dafür war etwa, dass ich ja auch wissen wollte, was sich bei den Daheimgebliebenen im letzten halben Jahr getan hat. Und außerdem wollte ich eben keinen Monolog darüber halten, was ich alles erlebt habe.

 

Denn eines habe ich bei den Gesprächen festgestellt: Egal wie viel mein Gegenüber wissen wollte und wie persönlich die Fragen auch wurden - wer noch nicht selbst auf dem Schiff war, kann sich den Alltag dort einfach schwer vorstellen. Das ging mir selbst schließlich auch so bevor ich im April auf die Europa 2 geklettert bin.

 

Jetzt weiß ich, dass kein Tag aussieht wie der andere. Da kann man jede Reise zusammen mit dem Video-Kollegen noch so gut durchplanen und Drehtermine aufteilen, letztendlich kommt es - wie auch im "wirklichen Leben" an Land - immer anders. Da kann es zum Beispiel sein, dass Ausflüge ausfallen, im Bus kein Platz mehr für das Video-Team ist, ein Hafen aufgrund des Wetters gar nicht erst angelaufen wird oder an Bord spontan noch etwas zusätzlich gedreht werden muss.

 

Jetzt weiß ich auch, dass neben dem Drehen und Schneiden noch eine ganze Menge anderer Arbeit anfällt. Etwa die Reisen vorzubereiten, jeden Abend im Fotoshop zu stehen, um die Gäste zu den Fotos und dem Video zu beraten, den Film am Ende jeder Reise den Gästen im Kino vorzustellen, Flyer und Fotos zu verteilen, organisatorisches Zeug zu erledigen und und und. Das gehört dazu, aber auch davon hatte ich am Anfang noch gar keine richtige Vorstellung.

 

Ebenso planlos war ich - zumindest bis zum Basic-Safety-Kurs in Rostock kurz vor meinem Aufstieg -, was die Sicherheitsübungen an Bord angeht. Zuerst gibt es am Anfang jeder Reise eine Seenotrettungsübung mit den Passagieren. Daran mussten wir als Foto- und Filmteam zwar nicht akriv teilnehmen, aber trotzdem waren wir immer dabei, um die ganze Aktion zu fotografieren bzw. zu filmen. Dann gibt es ein- bis zweimal im Monat einen Drill für die komplette Crew, bei der eine Notfallsituation auf See und/oder im Hafen geprobt wird. Und zusätzlich dazu hatten wir in kleineren Teams, in die die Besatzung aufgeteilt ist, auch noch etwa einmal im Monat einen weiteren Drill, bei dem bestimmte Themen/Situationen besprochen oder geübt werden. Und auch das ist noch nicht alles, denn alle Crewmitglieder müssen am Anfang jedes Vertrages auf dem Schiff auch noch einen Safety- und Security-Test schreiben. Soviel dazu.

 

Foto: Felix Künzel
Foto: Felix Künzel

In den fünf Monaten habe ich aber auch mitbekommen, wie schwer es ist, mit den Liebsten zuhause in Kontakt zu bleiben, weil es entweder ins Geld geht oder von der wertvollen Freizeit abgeht. Außerdem weiß ich jetzt, dass ich beim nächsten Mal nicht wieder so viele Klamotten mitnehmen müsste, weil man die meiste Zeit sowieso die Uniform trägt. Dass es an Bord so viel mehr Berufsgruppen gibt als nur das Service-Personal. (Mit einem Bike-Guide oder einem Art Director hätte ich zum Beispiel nicht gerechnet.) Dass man vorher nie genau sagen kann, wie viele Freizeit man an einem bestimmten Tag hat. Oder dass man als Video-Team nicht nur 08/15-Stadtrundgänge begleitet, sondern auch vieles mitmachen darf, was für den Rest der Crew oft tabu ist - beispielsweise Zodiac-Fahren mit dem Captain, Maschinenraum-Führungen oder der regelmäßige Besuch auf der Brücke (ohne etwas verbrochen zu haben).

 

Kurzum: Es ist schwierig, das Leben und Arbeiten auf dem Schiff zu beschreiben. Deshalb geben auch diese Zeilen nur einen groben Überblick über meine Erfahrungen. Trotzdem oder gerade deshalb bin ich aber auch weiterhin gespannt auf viele weitere Fragen.

 

Und sollte mein Fazit bis jetzt noch nicht rübergekommen sein, hier meine kurz gefasste Antwort auf die Ausgangsfrage: Es war eine unglaublich spannende Zeit, in der ich viel erlebt, gearbeitet und gelernt habe, aber gleichzeitig auch viele schöne Momente mit tollen Menschen verbracht habe.

 

Wer also mit einigen Einschränkungen (lange Arbeitstage, keine freien Tage, Doppelkabine) leben kann, dem kann ich das Abenteuer Schiff nur empfehlen! Und auch wenn nicht immer alles blumig war und ich auch schlechte Tage hatte, habe ich meine Entscheidung keine einzige Sekunde bereut.

 

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Juliane Becher

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